Dienstag,
21.04.2020
Berufswahl abseits von Klischees

Berufswahl abseits von Klischees

Interview mit drei Azubis, die sich für eine Lehre abseits der Klischees entschieden haben

Rund ein Drittel aller neuen Ausbildungsverträge wurden im vergangen Jahr laut dem Statistischen Bundesamt in nur zehn Berufen abgeschlossen. Die Berufswahl ist dabei stark vom Geschlecht abhängig. 38 Prozent der Frauen konzentrieren sich in den jeweiligen Top-5-Berufen, bei den Männern sind es rund 22 Prozent.
Jede zehnte Auszubildende im Beruf Kauffrau für Büromanagement ist eine Frau. Auf Rang zwei und drei folgen Medizinische Fachangestellte und Kauffrau im Einzelhandel. Weiterhin beliebt sind auch die Verkäuferin und die Zahnmedizinische Fachangestellte. Die männlichen Auszubildenden konzentrieren sich vor allem auf die Ausbildungsberufe Kraftfahrzeugmechatroniker und Kaufmann im Einzelhandel. Es folgen der Elektroniker, Fachinformatiker und Industriemechaniker.


Wir haben mit drei Auszubildenden gesprochen, die sich für eine Lehre abseits der Klischees entschieden haben. Warum haben sie ihren Beruf gewählt? Welche Vorurteile begegnen ihnen? Werden sie anders behandelt, von Kollegen oder Kunden?

 

„Am Ende hat mich die Ausbildung stärker gemacht“

 

Katharina, 22 Jahre, studiert im vierten Semester Wirtschaftsingenieurwesen Agrarmarketing und Management an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf

Nachdem ich meine mittlere Reife auf einer Mädchenrealschule erworben habe, entschloss ich mich dazu eine Ausbildung zur Köchin zu machen. Nach zwei intensiven und lehrreichen Jahren besuchte ich die Berufsoberschule mit Fachrichtung Wirtschaft und fing nach erfolgreichen Abschluss an zu studieren. Während meiner Ausbildung zur Köchin habe ich eine intensive Männerdomäne zu spüren bekommen. Das war oft sehr hart, doch am Ende hat mich die Ausbildung stärker gemacht. Ich hatte eine lehrreiche Zeit und bin der Meinung, wenn jemand etwas wirklich möchte, dann kann ihn keiner davon aufhalten. Auch keine „Männerdomäne“. Mit Vorurteilen oder Misstrauen hatte ich während meines Studiums dahingegen noch nie zu kämpfen. Mein Studiengang ist weder von Männern noch von Frauen dominiert, wir sind eine gut gemischte Gruppe. Für mich lässt sich die Persönlichkeit nicht in männlich und weiblich kategorisieren. Wir alle haben unterschiedliche Fähigkeiten, gerade das bringt uns in so vielen Situationen weiter. Dank den individuellen Qualitäten jedes Einzelnen sind Teamarbeiten meist so erfolgreich. An alle Interessierten, die im MINT-Bereich arbeiten wollen, kann ich nur folgenden Ratschlag geben: Mach es! Das ist oft leichter gesagt als getan. Doch nur weil ein Bereich als männerdominiert gilt, heißt das noch lange nicht, dass wir Frauen dort keinen Fuß fassen können.

 

„Ich fühle mich nicht als einsamer Exot am Arbeitsplatz“

 

Nicolas Herger, 24 Jahre, macht eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher an der katholischen Fachakademie für Sozialpädagogik München und arbeitet gerade in einer heilpädagogischen Wohngruppe in der stationären Jugendhilfe

Ich wusste schon in der Oberstufe des Gymnasiums, dass ich im sozialen Bereich arbeiten will. Nachdem ich ein FSJ in einem Jugendzentrum gemacht habe, versuchte ich einen Studienplatz für Soziale Arbeit zu bekommen. Allerdings scheiterte das am NC und so habe ich eine Ausbildung angefangen. Vorurteile sind im sozialen Bereich und vor allem bei Erziehern leider häufig gegeben. Zum einen gibt es von konservativen Köpfen die Befürchtungen, dass Männer nicht geeignet sind. Dort kommen meistens Vorwürfe wie: „Als Mann kann man mit Kindern und Jugendlichen nicht umgehen.“ Daneben wird Männern unterstellt, sie seien grundsätzlich triebgesteuert. Zum anderen gibt es aber Vorurteile dem gesamten Beruf gegenüber, die ich persönlich schlimmer finde, weil sie die Anerkennung, die der Beruf eigentlich verdient hat, vorenthalten. Viele haben das Bild der Erzieherin im Kopf, die tagsüber im Kindergarten nur darauf achtet, dass die Kinder spielen. Im Moment habe ich nur weibliche Kollegen. Dennoch fühle ich mich am Arbeitsplatz nicht als einsamer Exot. Sowohl von Kindern, Jugendlichen und den Kollegen bekomme ich nur positives Feedback und ich kann meine Hobbies wie Parcour und Tricking in den Beruf einbinden. Prinzipiell ist es sehr förderlich für Kinder, wenn sie Vorbilder haben. Aber welche Rollen von welchem Erzieher eingenommen werden und welches Geschlecht dieser hat, ist meiner Meinung nach zweitrangig.

 

„Durch Fachwissen und Können lösen sich Vorbehalte in Luft auf“

 

Ingrid, 24 Jahre, studiert seit Oktober 2017 M.Sc. Wirtschaftsingenieurwesen/Industrial Engineering- an der Universität Augsburg mit Schwerpunkt „Management and Sustainability“

Nach meinen Abitur habe ich gleich angefangen Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität Augsburg zu studieren. Ich war schon immer interdisziplinär interessiert, wollte nie etwas rein Technisches machen. In einen Buch mit verschiedenen Studiengängen von der Bundesagentur für Arbeit habe ich meinen Studiengang entdeckt. Während verschiedener Jobs und Praktika kämpfte ich immer wieder mit Vorurteilen. Die Branche ist sehr stark von Männern dominiert und vor allem ältere Kollegen haben eher ein Problem mit einer Frau. Zeigt man aber durch seine Arbeit und sein Verhalten, dass man Fachwissen besitzt, lösen sich diese Vorbehalte in Luft auf. Über die Jahre entwickelt man auch ein dickes Fell. Man sollte sich auf keinen Fall entmutigen lassen und immer seinen Weg gehen. Mittlerweile arbeiten auch immer mehr Frauen im MINT-Bereich, die einen in der Anfangszeit unterstützen. Geholfen hat mir auch die Plattform „Cyber Mentor“. Während der Oberstufe war ich dort als Mentee registriert, nun gebe ich als Mentor jungen Frauen, die im MINT-Bereich später arbeiten wollen, hilfreiche Tipps.

 

Foto: Shutterstock.com/Dusan Petkovic