Montag,
12.10.2020
Der Unterricht von morgen

Der Unterricht von morgen

Lehrerin gründet Initiative für die Digitalisierung an Schulen

#Einfachmalmachen: Unter diesem Motto steht die Initiative Edu-Sense. Die Gründerin Anika Buche will mit dem sogenannten Playbook Schulen helfen eine digitale Strategie zu entwickeln. Und das sogar noch vor Corona. Wir haben uns mit der 31-jährigen Lehrerin (Mathe, Sport, Biologie) am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hürth über die Digitalisierung, den Unterricht von morgen und Homeschooling unterhalten.

 

 

Wie sind Sie auf die Idee für ihr Projekt Edu-Sense gekommen?

Eigentlich bin ich schon mindestens seit meinem Referendariat davon fasziniert, welche neuen und vielseitigen digitalen Lehr- und Lerntools es gibt. Gemeinsam mit Burkhard Wagner hatte ich dann die Idee, das Ganze größer aufzuziehen. Burkhard ist Geschäftsführer der Strategieberatung advyce. Daneben unterstützt uns auch die Digital-Agentur nexum aus Köln. Ohne die beiden und ihren Einsatz wäre Edu-Sense nicht möglich.

 

Um was geht es Edu-Sense?

Abgeleitet aus den praktischen Erfahrungen gibt Edu-Sense Schulen einen individuellen Leitfaden an die Hand, um den Unterricht zeitgemäß weiter zu entwickeln. Unser „Playbook“ zeigt Lehrern und der Schulleitung auf, was zu tun ist: von der Vision und Strategie über einen Kommunikationsfahrplan für Schüler und Eltern, die notwendige technische Ausstattung bis zur Organisation der digitalen Lehre und der Finanzierung. Wir liefern quasi eine Blaupause, mit der jede Schule Schritt für Schritt die digitale Transformation umsetzen kann.

 

Wie ist die Resonanz?

Ich muss sagen, gewaltig. Uns erreichen täglich zahlreiche Anfragen. Die kommen von Lehrern, anderen Schulen, Eltern, sehr vielen politischen Entscheidungsträgern aller Parteien und aus allen Bundesländern. Auch viele Unternehmen bieten ihre Unterstützung an. Und das ist natürlich nicht ganz unwichtig. Gute, digitale Bildung kostet Geld und viel Engagement. Aber schlechte Ausbildung kommt uns alle noch viel teurer.

 

Wie sieht der Unterricht der Zukunft aus?

Präsenzunterricht muss immer der Kern bleiben. Der persönliche Kontakt, die Ansprache und der Dialog sind für alle Kinder und Jugendlichen das Wichtigste. Lernen funktioniert eben durch Bindung. Das heißt, dass die Lehrkraft niemals durch digitale Tools ersetzt werden kann. Die digitalen Möglichkeiten sind eher zusätzliche Möglichkeiten. So können bestimmte Inhalte spielerisch vermittelt werden und damit kommt man der Lebenswelt der Kinder viel näher. Das motiviert und macht Lust auf Schule. Die Frage wie und womit gelernt wird, das wird sich meiner Meinung nach massiv ändern. Junge Menschen wachsen in einer digitalen Welt auf, dass muss in der Bildung genutzt werden. Ich mache da die Erfahrung, dass Kinder und Jugendliche nicht nur schneller, sondern auch viel nachhaltiger lernen. Ganz abgesehen davon, dass digitale Methoden auch auf den Arbeitsalltag vorbereiten.

 

Welche Stärken sehen Sie beim digitale Unterricht und welche Schwächen?

Den persönlichen Austausch und die Zusammenarbeit können digitale Methoden, Formate und Tools nie ersetzen, sollen sie aber auch nicht. Sie ergänzen den „normalen“ Unterricht aber ideal und haben einen großen Einfluss auf die Lernergebnisse. Beim Einsatz von digitalen Tools muss aber auch der Unterricht neu strukturiert werden. Die Macht der neuen Unterrichtswerkzeuge kann sich nämlich erst dann voll entfalten. Außerdem gibt es große Unterschiede in der Qualität digitaler Tools. Ein PDF-Dokument, also ein digitalisiertes Arbeitsblatt zählt auch dazu, hat aber eine ganz andere Wirkung als ein Lernprogramm in Mathe, das die künstliche Intelligenz nutzt, um den Kindern die optimalen Übungsaufgaben zu stellen. Daher ist es eine Schwäche, wenn man die digitalen Tools nicht sinnstiftend im Lernprozess einsetzt, sondern einfach des Könnens wegen. Es muss vorher gut analysiert werden, was das Tool kann und wo es gezielt im Lernprozess helfen soll. Sonst führt digital ergänzter Unterricht schnell dazu, dass alle Kinder nur noch vor ihrem eigenen Bildschirm hängen.

 

Glauben Sie ohne Corona hätte es auch einen Digitalisierungsschub an deutschen Schulen gegeben?

Das glaube ich sehr wohl, aber es hätt e viel länger gedauert. Rein digital betrachtet hat uns die Corona-Krise drei bis fünf Jahre nach vorne katapultiert. Zudem gilt es jetzt klar über das Homeschooling hinauszudenken. Das Homeschooling war nur die Notlösung für das Lernen in Corona. Digital ergänzter Unterricht ist genau das Gegenteil.

 

Wie kann man sich das digital ergänzte Lernen gemäß Edu-Sense vorstellen?

Beim Vertiefen und Üben kommt bei uns häufig im Unterricht eine multimediale Projektarbeit zum Einsatz. So habe ich vergangenes Jahr beispielsweise einen digitalen Escape Room gebaut, um mathematische Kenntnisse zu vermitteln. Gerade lernen meine Siebtklässler etwa wie sie aus fünf unterschiedlichen Lernmöglichkeiten, genau diejenige auswählen können, mit der sie am besten lernen können. Sie müssen also genau reflektieren, mit welchen Werkzeugen sie individuell am besten lernen. Ich als Lehrerin begleite und coache sie auf diesem Weg. Denn ich kann digital sehen, wie viele Anläufe sie für Aufgaben benötigt haben, welche Qualität die Lösung hatte oder in welcher Schwierigkeit sie unterwegs waren. Was meine Lernkontrolle angeht, kann ich mit unseren Tools immer und überall auf den Platt formen Bearbeitungsfortschritte live verfolgen und etwa mit Feedback-Videos oder Sprachnachrichten da nachsteuern, wo es notwendig ist und eben auch außerhalb der normalen Unterrichtszeit.

 

Ist Digitalisierung ihr Herzensprojekt?

Mein Herzens- und Lebensprojekt ist es, Kindern die mögliche beste Ausbildung zu geben, damit sie später erfolgreich sind. Das Benutzen von digitalen Hilfsmitteln ist dabei ein wichtiger und aktueller Baustein, den ich mit viel Leidenschaft selbstverständlich mitvermittle. Ganz nach dem Motto: Einfach mal machen, könnte ja gut werden!

 

Warum sind Sie Lehrerin geworden?

Genau deshalb.

 

Auf dem Weg zur Digitalisierung stoßen Schulen bundeslandübergreifend auf ähnliche Herausforderungen. Edu-Sense hat diese gesammelt und daraus sieben Bausteine entwickelt: Vision und Haltung, Strategie, Struktur, Lernen, Ausstattung, Finanzierung und kontinuierliche Weiterbildung. Das Ziel ist es, bereits erprobte Lösungsmöglichkeiten in einem sogenannten Playbook aufzubereiten und darzustellen. Dadurch können Schulen von den Erfahrungen anderer Schulen, die den Entwicklungsprozess bereites durchlaufen haben, profitieren.

 

 

Foto: Shutterstock.com/Yakobchuk Viacheslav